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  • Cédric Tschanz

Zu Tisch mit Tschanz "Ein ganz normaler Tag"

«Ni nali bùshufu, xu yào ànmó?» «I don’t understand. No chinese. My hip and lower back are hurting.» Ich ahne die Frage des blinden Mannes und zeige mit meiner Hand auf meinen Lenden-Bereich. Er tastet die Stelle ab und fragt «hao?» Ich bestätige ihm mit «Ja». Mit grinsendem Gesicht macht er sich an die Arbeit. Er verdreht mir den Rücken. Alles knackt. Mit dem Ellenbogen bearbeitet er meinen Rücken. Ich liege auf der Liege und klammere mich mit schmerzverzerrtem Blick am Holz fest. Wieso tue ich mir das an?


Ich befinde mich wieder einmal in China. Jedes Jahr gehe ich für rund zwei Monate in das Reich der Mitte, um zu trainieren. Das Ziel während dieser Phase ist es, intensive Trainingsreize zu setzten. Wir trainieren jeweils von Montag bis Samstag. Am Mittwochnachmittag, sowie am Sonntag dürfen wir uns ausruhen.

Folgendermassen sieht ein normaler Trainingstag aus:


06:30 Aufstehen

07:00 Frühstück

08:30-11:00 Tischtennistraining 1

11:00-11:45 Kondition/Kraft/Athletik

12:00 Mittagessen

12:30-14:30 Schlafen

15:00-16:30 Tischtennistraining 2

16:30-17:45 Balleimer-Training

18:00 Abendessen

19:00-20:30 Tischtennistraining 3

21:00 Schlafen


Dieser Alltag ist unvorstellbar anstrengend und der Körper wird richtig ans Limit gebracht. Das Schöne ist: Man leidet nicht Alleine. 20 bis 30 Spieler in der Trainingsgruppe beschreiten den gleichen Weg. Stehen jeden Morgen auf und geben alles für ihre Träume.


Nach den Trainings gönne ich mir meistens eine Massage, obwohl von Gönnen nicht wirklich die Rede sein kann. Die schmerzenden Körperteile werden durchgeknetet und man kann vor lauter Schmerzen nicht einmal die Augen schliessen. Doch solche Massnahmen sorgen dafür, dass ich es am nächsten Tag aus dem Bett schaffe.

Ich trete jedes Jahr die Reise nach China an, weil ich sehr viel lerne und profitiere. Durch die vielen Wiederholungen kann ich meine Technik stabilisieren und die hohe Qualität meiner Trainingspartner hilft mir, mein Niveau zu steigern. Neue Inputs kann ich gezielt umsetzten.


Es ist sehr eindrücklich in so einem professionellen Umfeld zu trainieren und es motiviert noch mehr, Gas zu geben. Daneben kommt der Aspekt, dass Tischtennis in China einen enorm hohen Stellenwert in der Gesellschaft vorweist. Jeder weiss, wie Tischtennis gespielt wird, und es ist so ein breites Wissen vorhanden. Ich habe das Gefühl, dass ich mit gleichgesinnten Personen zusammenlebe. Darum werde ich auch dieses Jahr einen Abstecher nach China vornehmen – wenn die Situation es denn zulässt.

Die Kolumne ist am 16.04 2021 in der Volksstimme - Die Zeitung für das Oberbaselbiet erschienen.

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