Zu Tisch mit Tschanz "Tagebuch aus der Vergangenheit"


Vor Kurzem bin ich auf meine alten Notiz- und Tagebücher aus meinem Tischtennis- Werdegang gestossen. Es war interessant und eindrücklich, diese wieder einmal durchzublättern. Dabei sind mir drei Seiten aufgefallen: Wie habe ich mich vor der U18-Schweizermeisterschaft 2016 auf das Viertelfinalspiel vorbereitet?

Zuerst habe ich diverse Punkte über meinen Gegner aufgeschrieben, die mir spontan in den Sinn gekommen sind. Was sind seine Stärken? Welche Spielzüge spielt er am liebsten? Was für ein Typ Mensch und Spieler ist er? Danach habe ich Matches gegen ihn per Video analysiert. Ich habe mir typische Spielzüge aufgeschrieben. Mit welchen hat er und mit welchen habe ich am meisten Punkte erzielt? Und dann die entscheidende Frage:

Wie kann ich meinen Gegner schlagen?

Ich erarbeitete einen Spielplan anhand der beiden folgenden Fragen: Was will ich be- wirken? Und was will ich verhindern? Daraus abgeleitet sollte ich die Spielrichtung defi- nieren: Was ist die beste Waffe meines Gegners? Wo ist mein Gegner schwach? Was ist mein bester Schlag und wie kann ich damit auf die Schwäche meines Gegners zielen? Was kann ich tun, um meine Schwachstelle vor dem Gegner zu schützen?

Weiter habe ich aufgelistet, wie ich meine Nervosität kontrollieren kann: Atmung, Aufschrift auf dem Ball lesen, Füsse bewegen, ein Lied singen. Zugleich habe ich mir bewusst gemacht, dass der Wille zum Sieg trotz allem das Allerwichtigste sein würde. Im entscheidenden Moment wird der Kopf nicht mehr kühl und rational denken können.

Meine Analyse hat mir geholfen: Ich konnte den Match im Entscheidungssatz gewinnen und in den Halbfinal einziehen. Ich habe mir durch diesen Sieg das Jugend-Europameisterschafts-Ticket gesichert, was für mich alles bedeutete. Mittlerweile sind meine Matchvorbereitungen schlanker. Ich habe gelernt, dass ich mich im Spiel meistens nicht auf mehr als drei Punkte konzentrieren kann. Schon diese Details korrekt umzusetzen, ist sehr anspruchsvoll. Des Weiteren ist es für mich momentan viel wichtiger, einfach «im Moment zu sein» und während eines Matchs möglichst «nicht zu denken». Schaffe ich dies, dann spiele ich meistens auch sehr gut. Weil ich unbewusst meine trainierten Stärken im Match einsetze, statt sie mühsam in mein Tagebuch zu kritzeln.


Die Kolumne ist am 08.06 22 in der Volksstimme - Die Zeitung für das Oberbaselbiet erschienen.


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